Ein Hauch von Abenteuer

Ein Bericht vom Frühjahrs-Teleskop-Treffen (2. - 4. Mai 2003)
auf der Ahornalp im Emmental (Schweiz)

Warum gehe ich so gerne zu den Schweizer Teleskoptreffen? Es gibt hauptsächlich zwei Gründe: Erstens sind sie näher an meinem Wohnort Ravensburg als jedes deutsche Treffen und zweitens sind sie irgendwie familiär, klein und nicht überlaufen.

In diesem Jahr sind wir - Sascha und ich - zu zweit auf das Frühjahrestreffen auf die Ahornalp ins Emmental gefahren. Die Tour von Friedrichshafen/Ravensburg dorthin ist schon schön: Mit der Fähre von Meersburg nach Konstanz, Grenzübertritt in Kreuzlingen, insgesamt 220 km bis zum Standort. Nur ein (obligatorischer) Stau in der Züricher Umgebung...

Auf der Ahornalp erwartete uns zunächst ein vielversprechender blauer Himmel. Nach Nordwesten jedoch kündigten Wolkenberge ein Problem an...



Wenn wir da geahnt hätten, was auf uns zu kam, wären wir sicher mit dem Auto besser in Deckung gegangen. Die Sonne verabschiedete sich irgendwie romantisch und wir gingen in die sehr ordentliche Gaststätte auf der Ahornalp.



Gegen 22:30 zog ein Gewitter über uns hinweg, mit einem Blitzlichtpanorama, das ich so noch nicht gesehen habe. Jedenfalls standen fast alle Gäste des Restaurants draußen und sahen zu, wie sich das Naturschauspiel entlud. Gegen 23 Uhr fing es an zu regnen, alle anderen fuhren ins Tal, nur wir blieben oben auf der Alp, das Auto 1m vor dem Abgrund geparkt. Wir schliefen bei den Geräten im Wagen. Gegen 2:30 Nachts kam dann der Orkan. Es pfiffen Böen der Windstärke 11-12 über den Kamm und ich hatte die Befürchtung, dass uns der Wind über die Kante drückt. Ab und zu trat ein extremer Sog auf, es pfiff, heulte und rauschte und ich rechnete damit, dass Bergziegen und Kühe über den Grat fliegen würden. Flucht war nicht möglich, da wir das Auto dann quer zum Wind hätten stellen müssen... Nach einer bangen Nacht beruhigte sich das Wetter und am nächsten Morgen erwartete uns ein freundlicher neuer Tag:



Die ersten Gäste, die nach uns kamen, brachten riesige Antennen mit. Zunächst dachten wir noch, es handele sich um Radioastronomen, es waren aber Funkamateure, die an einem Wettbewerb teilnehmen wollten. 10m hohe Sendemasten und Parabolspiegel mit 2,50m Durchmesser (100 Zoll ...) wurden aufgerichtet. Nun gab es schon leichte Verstimmungen, weil sich die Astronomen von den Funkern nicht grillieren lassen wollten. Bei einem Sternfreund reagierte die Zentralverriegelung auf den Funk und machte unkontrollierbar den Wagen auf und zu... Anderen stach schon der "Grind" wegen der Sendeleistung und einige gingen leider wieder nach Hause. Es war eben eine kleine organisatorische Panne. Ich habe jedenfalls nichts gespürt und irgendwann gab es auch eine friedliche Koexistenz. Immerhin eignet sich auch ein 15"-Dobsonspiegel, zusammen mit der prallen Sonne und einer Barlow-Linse für eine heiße Attacke...



Und dann fiel gelbes Mehl vom Himmel. Blütenstaubwolken gingen über den Linsen nieder. Man konnte zusehen, wie optische Flächen gepudert wurden. Der Wind, der Wald, die Tannen... Jedenfalls habe ich den frisch geputzen Dobsonspiegel erst einmal nicht ausgepackt. Überall war das pfft,pfft von luftunterstützten Linsenpinseln zu hören, die der Staubplage dennoch keinen Einhalt gebieten konnten. Für den geduldigen Sternfreund sind all dies nur Kleinigkeiten. Abwarten, unsere Zeit kommt erst noch. Jetzt waren die Sonnenbeobachter am Zuge.
Mit der Sonnenbeobachtung befassen wir uns auch sehr intensiv. Und so freute ich mich, das Sonnenteleskop Coronado Solarmax mit einem H-alpha Filter - Halbwertsbreite 0,07 nm ausprobieren zu können. Ein kleines edles goldenes Fernrohr (ca 2" Apertur) mit einem Coronado Cemax Barlow 2x Okular mit 18 mm Brennweite, optimiert für die Beobachtung im H-alpha-Licht. Montiert war das Teleskop auf einem Manfrotto-Stativ, alles sehr edel und stabil:



Die folgende Abbildung zeigt meine - nicht nachbearbeitete - Originalzeichnung, die ich an dem Teleskop anfertigen konnte. Protuberanzen waren sehr gut zu erkennen und die Sonnenfläche zeigte eine Fülle von Details, die ich nur andeuten konnte, weil sie mir nicht vertraut waren. Ich habe aber versucht, die Sonnenflecken zu erfassen:



Fazit: Das Fernrohr hat eine hohe optische Qualität, ist klein und anwenderfreundlich. Man kann es wirklich überall mit hinnehmen. Es zeigt eine große Fülle Details und die Sonne als lebendigen, sich stets wandelnden Körper. Allerdings kommt man nicht an der kleinen Apertur vorbei und es wäre wünschenswert man könnte höher vergrößern. In diesem Sinne bevorzuge ich für die systematische Arbeit eher spezialisierte Geräte bei höheren Vergrößerungen. Immerhin zeigt dieses Fernrohr die ganze Sonne auf einen Blick, was einen eigenen Reiz hat. Zum Vergleich ist hier eine weitere Skizze - einen Tag später angefertigt - nur von den Sonnenflecken zu sehen. Sie wurde mit einem C8 und Filterfolie angefertigt. Man sieht die Fleckengruppen ganz anders als mit dem Coronado-Filter. Jedes Fernrohr hat seinen eigenen Himmel - und das gilt auch für die Sonnenteleskope:



Interessant waren auch die vielen kleinen praktischen Hilfsmittel, von der Sonnenblende bis zum verstellbaren Hocker. Kleine Teile, aber stabil und funktional - einfach Klasse! Ich habe auch bei den Sonnenbeobachtern die 1-2 Tage alte Mondsichel zu sehen bekommen: am frühen Nachmittag. Das ist nicht ungefährlich, da die Sonne ziemlich nahe dabei steht... Das war alles ganz beeindruckend.



Als der Abend nahte haben wir unser großes Instrument ausgepackt: Ein Obsession-Dobson mit einem 15" - LOMO Spiegel, Telrad und dem Sky-Commander für die Objekt-Suche (Ich weiß, es geht auch ohne... aber ehrlich, mit Computer geht es schneller, wenn man etwas am Himmel sucht und Leute dabei stehen!) Den Spiegel hatte ich vor der Fahrt extra gereinigt, um optimale Bedingungen zu haben:



Sascha hatte sein Teleskop ein Meade ETX 105 schon am Vormittag in Betrieb genommen und so mancherlei am Tag beobachtet :



Mit Einbruch der Dunkelheit wurde es dann interessant: Zunächst waren erschreckend viel Dunst und Zirren am Himmel, die auch nicht verschwinden wollten. Bis 20° Höhe über dem Horizont war praktisch kein Stern zu sehen. Hinzu kamen mindestens 2 Skybeamer, die störten. Immerhin war zenithnah ziemlich viel zu sehen. Zuerst wurde jedoch mit dem Dobson ein Blick auf die tief stehende Mondsichel geworfen, dann der inzwischen auch ziemlich tief stehende Saturn beobachtet. Das war alles ein Standardprogramm. Spektakulär war dann der Blick auf den Jupiter. Bei 225 facher Vergrößerung war ein gleißend heller Planet sichtbar, bei dem vor allen Dingen ein tiefschwarzer extrem scharfer kreisrunder Mondschatten zwischen den Wolkenbändern sichtbar war. Leider pfiff ein erbarmungsloser Aufwind an dem Hang, wo wir standen und rüttelte am Dobson. Da mußten wir das Fernrohr (ca 40 kg) zu zweit anheben und 5 m weiter tragen, wo es etws ruhiger war. In der Höhe war die Luft sehr ruhig, so dass ein gutes Seeing gegeben war. Der Vierfachstern Epsilon Lyrae konnte in allen Komponenten sauber getrennt werden, wobei schwarze Zwischenräume problemlos zu erkennen waren. Dabei war der Himmel nie richtig dunkel, irgendwie gab es Licht. Das Voralpenland hatte auch etliche Städte und Gemeinden mit Lampen zu bieten. Eigentlich wollte ich den Pluto suchen, was ich aber wegen des Himmels schnell aufgab.

Irgendwann waren die Kugelsternhaufen dran: M3 und dann M13. Mit dem (Zeiss-) Baader-Großfeld-Bino und den 15mm-Okularen ein Genuß. Immer wieder fragen Sternfreunde danach, ob man denn nicht monokular mehr sehen würde. Ein Umbau des Geräts zeigte dann auch ein helleres Bild, aber der "Kick" des binokularen Sehens war auch weg. Der Lichtgewinn war (bei hellen Standardobjekten) nicht so groß, dass er den Verlust binokularen Sehens wettmachen konnte. Es ist ja schön, dass man diese Zusammenhänge auf solchen Treffen auch mal ausprobieren kann.

Galaxien: M81 und M82 waren binokular formatfüllend mit vielen Details sichtbar. Überrascht hat mich auch M51: Formatfüllende Wirbelstruktur mit Details in den Spiralarmen. So schön habe ich den in Ravensburg eigentlich noch nicht gesehen. Vielleicht lag es auch an dem frisch geputzten Spiegel.

Der Ringnebel in der Leier war das nächste Objekt, dann Albireo im Schwan. Es war der Abend der Standardobjekte. Zwischendurch musste ich noch zwei Mal mit dem Dobson umziehen, als Leute (auch Astronomen!) schon viel zu früh mit ihrem Auto nach Hause wollten.

Gegen 3:30 habe ich dann alles zusammengepackt. Da stand noch ein Häuflein Sternfreunde auf dem Platz, die zum Schluß den Sommerhimmel mit ihren Instrumenten absuchten: M8 und alles was darüber liegt. Der Skorpion stand an seinem höchsten Punkt, Shaula, der Stachel des Skorpions war über den weißen Gipfeln der Berner Alpen sichtbar. Im Süden war der Himmel ganz klar geworden.

Ich habe zum Schluß noch den Feldstecher herausgezogen. Ein unvergeßlicher Anblick waren zu guter Letzt die dreieckigen schneeweißen Alpengipfel, die sich über den schwarzen Wald erhoben. Über Ihnen funkelten geheimnisvoll die Sternhaufen M6 und M7.

(Dr. Beister , 7.5.2003)