Hirni-Nebel und Komet im Bienenstock

Es wird immer wieder spannend, wenn ich ein Wochenende in die Schweiz zum Teleskoptreffen und zum Beobachten fahre und sich die drei wesentlichen Fragen stellen:

1. Komme ich mit meiner Ausrüstung ungerupft durch den Zoll?
2. Entkomme ich dem Züricher Stau?
3. Lässt der Himmel Beobachtungen zu?

Gute Vorbereitung ist notwendig. Am Abend vorher wurden die Zollpapiere in dreifacher Ausfertigung vorbereitet und die Ausrüstung gepackt. Am Freitag gegen 14 Uhr war ich dann endlich unterwegs: Ravensburg - Meersburg - die Fähre über den See (don't pay the ferryman...) - Konstanz - Kreuzlingen - Zoll - Autobahn Zürich -> Bern (A1) -> Gotthard (A2) - Dagmersellen - Hutwil - Eriswil - Ahornalp... 250 km, 4 Std.

Am ersten Abend gab es dann doch eine hohe zähe Schleierbewölkung, die sich nur langsam auflöste und erst gegen 23 Uhr wurde es einigermaßen klar. Da war der Komet schon weg. Nachts bekamen wir aber einen ganz brauchbaren Himmel und zwischen 0 Uhr und 2 Uhr waren Deep Sky Beobachtungen angesetzt. Das Objekt der Saison war NGC 6888 im Schwan: Das "Gipfele" (oder salopp der Hirni-Nebel...). Im 40cm Ninja-Dobson war er sehr gut aufgelöst zu sehen, viele Filamente waren sichtbar. Das Objekt ist nicht ganz einfach zu finden, geht in der Sternenfülle des Schwans unter. Im Caldwell Katalog trägt das Objekt die Nummer 27 (Crescent Nebel). Die ultimative Herausforderung besteht wohl darin, das Objekt geschlossen zu sehen. Der Nebel wird von einem typischen Wolf-Rayet Stern beleuchtet.

Ansonsten hat man sich weitgehend auf die Standardobjekte beschränkt. Mit meinem 15" Dobson und dem Großfeld-Bino habe ich in dieser Nacht die Spiralstrukturen von M51 und M101 bewundert, weitere Objekte waren M13, M57, M8, M20, M17. Bei M8 mußte ich dann mit kalten klammen Fingern doch noch meinen Lumicon O III Filter herausholen ("M8 ohne O III gilt nicht" hieß es....). In der recht klaren Bergluft sind die Standardobjekte einfach immer wieder ein Genuß. Eigentlich hatte ich vor gehabt zu zeichnen, aber dann holt einen irgendwie die Woche ein und es fehlt die Kondition. So blieb es bei dem Vorsatz. Gegen 3 Uhr war dann Schluss und alle packten zusammen. Ich habe dann bis vormittags um 9 im Auto geschlafen.



Tagsüber war Sonnen- und Planetenbeobachtung angesagt. Ich habe dann an einem Takahashi Sky 90 mit 40er Coronado-Filter die Protuberanzen und bipolaren Fleckengruppen gezeichnet. Im Wasserstoff-Alpha-Licht wird der Zusammenhang der Fleckengruppen nochmal deutlicher als im Weißlicht. Man erkennt die Wasserstoff-Filamente und Fackeln, die den magnetischen Feldlinien folgen. Touristen die zufällig vorbeikamen, ließen sich dann von uns über die Sonne informieren. Die Venus war dann das nächste Objekt des Taghimmels, was wir nach einiger Sucherei fanden. Man muss immer sehr vorsichtig sein, wenn man tagsüber in das Teleskop schaut, zumal in unmittelbarer Sonnennähe. Da macht man einen Fehler nur zweimal, mit dem Bino sogar nur einmal...



Neben der extrem hellen schmalen Sichel der Venus (-4mag) konnte auch noch Jupiter am Taghimmel ausfindig gemacht werden, was durchaus schwieriger ist, da es sich um ein flächiges Objekt handelt, auf dem sich die Helligkeit verteilt.



Am Freitag Abend waren etwa 10 Astronomen dabei, am heutigen Samstag waren es etwa doppelt so viele, die ihre Geräte aufbauten. Der Abend brachte einen klaren Himmel und eine grandiose Kometennacht. C1/2001 Q4 NEAT stand in unmittelbarar Nachbarschaft der Krippe M44 ("Bienenstock") und im 16x70 Fujinon waren beide zusammen formatfüllend zu sehen, ein unvergeßlicher Anblick. Dumm nur, dass ich rein visuell unterwegs war, während die anderen alle hinter ihren Canon-Digicam-Gehäusen 2-5 Minuten Belichtungen machten und fantastische Aufnahmen erhielten. Überhaupt besteht eine unübersehbare Tendenz zu diesen Kameras, seit man das Rauschproblem in den Griff bekommen hat. Die hohen Preise und die exklusive Stellung der Astro-CCD-Kameras (SBIG usw.) dürften dann wohl bald ins Wanken geraten. Ich hatte jedenfalls noch eine Kamera mit herkömmlichem Film - ein Relikt des letzten Jahrtausends. Im Bergrestaurant beim Aufwärmen habe ich dann einige der Digitalfotos gesehen - Respekt! Allerdings sitzt man dann nachts vor dem kleinen Mäusekino bis die Akkus leer sind und ist geblendet. Kann man eigentlich jeden Augenblick durch ein Bild festhalten? Oder nehme ich durch das Foto der Situation die Einmaligkeit? Die Entwicklung ist jedenfalls nicht aufzuhalten. Ich habe selbst schon nachts vor dem Laptop mit der ToUCam gesessen: Irgendwie blenden diese Bildschirme und man verlernt auch das Beobachten. Ich finde, dass eine gute Zeichnung unersetzlich ist - und auch objektiv in dem Sinne, dass sie das zeigt, was man tatsächlich gesehen hat.



In der Nacht ging es dann wieder um Deep-Sky-Objekte, manche suchten Galaxien, ich habe mir etwa 20 Doppelsterne aus der nördlichen Krone und dem Bärenhüter angeschaut. Das Seeing war besser als 2", die sah man noch locker mit schwarzem Zwischenraum. Der Himmel war in der 2. Nachthälfte nicht mehr so gut wie am Abend, es war etwas dunstig geworden und die stellaren Objekte besser als die Galaxien oder gar die Nebel.

Ich habe mir etwas ausführlicher Caldwell 1 angesehen, NGC 188 - der einsame offene Sternhaufen auf dem intergalaktischen Friedhof (da ist sonst nichts los). Zwischen Cepheus und kleinem Wagen liegt dieses große Objekt aus etwa 200 Sternen. Interessanterweise sieht man es zuerst gar nicht, weil die meisten Sterne alle zwischen 10. und 18. Größenklasse liegen und das Objekt zuerst nicht auffällig ist. Beim indirektes Sehen wird es aber deutlich. In der Literatur wird es als einer der ältesten Sternhaufen (5 Milliarden Jahre) beschrieben. Die 10 hellsten Sterne dieses Haufens sind gelbe Riesensterne - kurz vor dem Kollaps. Wenn man lange genug auf den Sternhaufen schaut, kann man eine geisterhafte Knochenhand hineininterpretieren... Nun ja, es war auch schon spät...



Gegen 3 Uhr war dann wieder Schluss und alle packten zusammen. Ich habe dann bis 6 Uhr geschlafen und mir zum Finale noch den Sonnenaufgang angeschaut. Liebe Schweizer Sternfreunde, die ihr diesen Bericht lest - ich komme im nächsten Jahr wieder, wenn das Wetter einigermaßen mitspielt.

(Dr. Heinz Beister, 2004)

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